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Montag, 12. Oktober 2015

vom aufbau des neuen menschen...

Seit 2012 hatte ich mehrfach die Gelegenheit, sowohl beruflich wie auch privat nach Albanien zu reisen. Doch erst dieses Jahr habe ich zum ersten Mal die Nationale Kunstgalerie (Galeria Kombëtare e Arteve) in Tirana besucht. Das Betrachten der Gemälde hat bei mir sehr ambivalente Gefühle ausgelöst. Ein wahres Wechselbad zwischen Faszination, Abscheu und Schauder.

Der Kommunismus im Osten und der Kalte Krieg haben auch meine Jugendzeit geprägt. Der politische Grundtenor im Westen war damals ziemlich klar und alles Böse kam aus dem Osten. Auch die Berichterstattung in den Medien untermauerte dieses Bild. Und ohne Internet oder die Möglichkeit von Reisen in den Ostblock war eine neutrale Meinungsbildung praktisch nicht möglich. Erst meine Reisen nach Lateinamerika liessen mich um die Jahrtausendwende kritisch über gewisse Missstände und die Ungerechtigkeit des Kapitalismus nachdenken. Interessanterweise zu einem Zeitpunkt, zu welchem die Berliner Mauer schon lange gefallen war und auch die über 45 Jahre anhaltende Diktatur in Albanien schon über zehn Jahren zu Ende war.

Und genau dieser Hintergrund macht den Besuch des Kunstmuseums in Tirana so interessant und eindrücklich. Die riesigen Gemälde im Stil des sozialistischen Realismus zeigen das damalige Verständnis vom Aufbau eines neuen Menschen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter und der technologischer Fortschritt als zentrale Themen der Gemälde wären ja grundsätzlich ganz positive Aspekte. Doch die düsteren Farben, die ernsten, versteinerten Gesichter und die Allgegenwart von Waffen und Uniformen wirkt zumindest auf mich doch sehr kalt, lebenswidrig und löst irgendwie ein beklemmendes Gefühl aus. Aktuelle Bilder aus Nordkorea huschen vor meinem inneren Auge vorbei. Die frische Luft und die weiten, offenen Plätze in Tirana bekommen mir beim Verlassen der Galerie gut. Und vor allem bin ich froh, dass auch der Aufbau dieses neuen Menschen mit dem Ende der Diktatur in Albanien ein Ende gefunden hat.

Und ja, ich gebe es zu. Trotz striktem Verbot zum Fotografieren konnte ich es nicht lassen, einige Gemälde mit dem Mobiltelefon abzulichten. Ein Klick auf das Bild oben bringt dich zu einer Auswahl an Gemälden aus der Galeria Kombëtare e Arteve.

Mittwoch, 10. September 2014

vom autoexport ...

Vor zwei Wochen war ich beruflich wieder einmal kurz in Albanien. Aufgrund meiner inzwischen häufigen und auch längeren Reisen ins Land des doppelköpfigen Adlers ist mir Vieles inzwischen sehr vertraut und teilweise auch sehr ans Herz gewachsen. Die zwei Tage vergingen wie im Flug und neben einigen Meetings im neuen Projekt und einem unterhaltsamen Nachtessen mit einem Freund, blieb mir praktisch keine Zeit, um den Sommer, den wir dieses Jahr in der Schweiz so schmerzlich vermissen, etwas intensiver zu geniessen.

Auf der Heimreise durfte ich dann aber noch eine amüsante Geschichte erleben, die ich der Leserschaft nicht vorenthalten will. Auf der einen Seite unterstreicht sie zwar einige Klischees und Stereotypen, welche wir Westeuropäer von den Albanern haben. Auf der anderen Seite zeigt sie aber auch ganz eindrücklich, welche Mühen und Strapazen einige Leute für den Erfolg auf sich nehmen. Irgendwie beeindruckend.

Während dem Einchecken im Flughafen von Tirana werde ich von einem Flughafenangestellten angesprochen, ob ich wohl nach Zürich fliege? Auf meine Bestätigung fragt er dann in höflichem Englisch, ob er mich um einen Gefallen bitten dürfe? Doch noch bevor er seine Frage fertig formulieren kann, ertönt es von hinten schon in breitem und nicht ganz akzentfreiem Balkanslang "Hei, kasch dütsch?". Ich drehe mich um und mustere einen Mittvierziger mit kurzen, oder besser gesagt sehr kurzen Haaren, einem kleinen Wohlstandsbauch und gekleidet - wie könnte es anders sein - in einen Trainingsanzug. Mit einem breiten Lächeln fragt er mich: "Kasch du für mi Autonummero i d'Schwiiz neh?". Ich begreife die Situation nicht auf Anhieb, was der gut gelaunte Kosovare (ich schiele auf den Pass in seiner Hand) auch sofort bemerkt. Sofort erklärt er mir, dass er natürlich auch in die Schweiz fliege, schliesslich wohne er da. Da er aber über keinerlei Gepäck zum Einchecken verfüge, habe er ein Problem mit seinen Nummernschildern, die er leider nicht einfach so unter dem Arm in Flugzeug nehmen könne. "Weisch, Nummero von Sankt Gallen!", erklärt er mich, begleitet von einem bereiten Schmunzeln. Der Typ ist mir irgendwie sympathisch, seine Nummern schnell in meinem Koffer und gemeinsam beginnen wir unsere Rückreise über Ljubljana nach Zürich.

Während der Wartezeit bleibt genügend Zeit für einen ausgedehnten Schwatz. Meine Neugier über den Hintergrund des Überfluges von Schweizer Kennzeichen ist natürlich riesengross, aber ich halte mich zuerst vornehm zurück. Klar habe ich eine Vorahnung. Unweigerlich kommen mir die kleinen, mit Schreibfehlern gespickten Kärtchen in den Sinn, welche Autoexporteure in der Schweiz jeweils unter den Scheibenwischer von Veronikas alten BMW klemmen. Beim spendierten Kaffee erzählt mir der neu gewonnene Freund dann, dass er vor vier Tagen in der Schweiz mit einem Renault Clio abgefahren sei und diesen nun hier in Albanien verkauft habe. Stolz erklärt er mir, dass dies bereits der 38. Wagen gewesen sei, denn er nach Albanien oder in den Kosovo gefahren habe. Und übrigens seien kleine und ökonomische Wagen inzwischen viel gesuchter als all die alten Mercedes und BMW."Kasch guets Gäld mache!".

Spannend. Aber irgendwie habe ich das Businessmodell noch nicht verstanden. Schon gar nicht, wenn ich mir die Zeit und die Kosten für lange Fahrt in den Balkan und die Kosten für den jeweiligen Rückflug vorstelle. Nein, stellt er sofort klar. Normalerweise fliege er nicht und reise wesentlich billiger mit dem Bus zurück. Aber diesen Samstag müsse er wieder arbeiten. Wie bitte? Arbeiten? Bis zu diesem Zeitpunkt war ich davon ausgegangen, dass eben dieser Autoexport auch seine Arbeit sei. Weit gefehlt. Ich erfahre, dass er in einer Maschinenfirma in der Nacht- und Wochenendschicht an der Drehbank steht. Und da melde er sich dann immer für zusätzliche Überzeit, die er sich dann aber nicht auszahlen lasse, sondern die geleitete Überzeit kompensiere. Und diese Zeit nutze er dann, um Occasionsautos in den Balkan zu fahren.

Ich frage mich und mit etwas Überwindung auch ihn, ob denn der Lohn aus der Maschinenfabrik für ein gutes Leben nicht ausreichend sei? Doch, doch beruhigt er mich. Aber er habe eben schon noch etwas grössere Ambitionen für die Zukunft.  Und schliesslich sollten es seine beiden Kinder einmal besser haben. Aha, er hat also auch Familie.

Inzwischen sind wir im Warteraum in Ljubljana. Mein Angebot für ein Bier lehnt er dankend ab. Als Moslem trinke er keinen Alkohol. Er kauft sich dafür im Duty Free eine grosse Packung slowenischen Rauchschinken. "Händ guets Fläisch da!". Genussvoll drückt er das Fleisch ohne Brot herunter und gönnt sich danach noch ein Erdbeereis. Im Gespräch erfahre ich, dass er als Folge des Konflikts in seinem Heimatland seit 1998 in der Schweiz ist. "Hani viiiel und hart gschaffet". Allerdings habe er dafür heute ein Haus im Kosovo und eines in Albanien. Darüber hinaus habe er vor kurzem eine Fitnessstudio in Tirana eröffnet. Und wenn er jeweils ein Auto nach Albanien fährt, dann könne er gerade noch den Betrieb dieses Studios kontrollieren Und da er hier auch eine Haus habe, sei auch die Hälfte seiner Kleider hier. Klar, das begründet auch, weshalb er ohne Gepäck und nur mit den Kennzeichen reist. "Hani viiiel gschaffet, aber heute hani au viel!". Er strahlt über das ganze Gesicht. Und ich, ich mag diesem Arbeitstier seinen erlangten Wohlstand von Herzen gönnen, bin aber gleichzeitig dankbar und froh, dass wir unsere Leben nicht tauschen müssen.

Nach interessanten und lehrreichen fünf Stunden, ich kenne jetzt sämtliche Formalitäten und Tricks beim Export von Autos, stehen wir dann am Gepäckband im Flughafen Zürich. Mein Koffer kommt, ich gebe ihm seine Nummernschilder, ein kräftiger Händedruck und eine spontane und spannende Begegnung nimmt ihr (vorläufiges) Ende. Während ich diese Zeilen schreibe, steht er wahrscheinlich an der Drehbank oder ist mit einem Auto unterwegs Richtung Südosten.

Samstag, 7. Juni 2014

die geschichte von den fröschen ...

In der Nähe meiner Wohnung befindet sich ein grösserer Tümpel. Zum Glück nur in der Nähe und nicht unmittelbar daneben. Denn was sich da zu nächtlicher Uhrzeit abspielt, ist für Naturfreunde zwar ein akustischer Hochgenuss, für die unmittelbaren Nachbarn aber sicherlich der Horror. Doch hört euch doch das folgende Nachtvideo selber an:



Offenbar hatten die Nachbarn dann vor rund zwei Wochen doch genug von diesem nächtlichen Froschkonzert und haben das Problem auf die harte Tour angepackt. Mit einem Generator und einer grossen Pumpe wurde die Kloake während rund 20 Stunden in den nächstgelegenen Kanalisationsschacht gepumpt. Am folgenden Tag präsentierte das "Naherholungsgebiet" dann seinen wahren Hintergrund. Es handelt sich um ein Fundament und ganz offenbar, und wie so oft in Albanien, ist der Bauherr wohl bereits in einer frühen Bauphase in einen Liquiditätsengpass geraten.



Mit Sicherheit hat der eine oder andere Quacker bei der Pumpaktion sein Leben gelassen und die ersten Nächte war es ruhig im Quartier. Aber warum auch immer wurde der Tümpel nicht vollständig trocken gelegt. Übrigens ein weiteres Phänomen, welches hier häufig zu beobachten ist. Mit Enthusiasmus und grossem Eifer wird eine Arbeit angegangen, um sie dann halbfertig liegen zu lassen. Entsprechend war auch die Ruhe nur von kurzer Dauer. In den letzten Nächten habe ich mit einem Schmunzeln festgestellt, dass sich die Frösche langsam aber sicher ihr Zuhause zurück erobern. Und sollte es in den nächsten Tagen noch etwas Regen geben, ist definitiv wieder alles beim Alten. Obschon, eigentlich ist es mir ein Rätsel, wie Frösche in einer solchen, mit Müll gefüllten Kloake überhaupt überleben können. Die Evolutionstheorie lässt grüssen!

Donnerstag, 5. Juni 2014

auf dem llogara pass

  

Ein weiterer Höhepunkt unseres Ausflugs in den Süden von Albanien war ohne Zweifel auch die Fahrt auf den Qafa Llogara. Mit neunen Einspritzpumpen und alter Motorkraft waren wir für die Fahrt auf den 1027 Meter hohen Pass bestens gerüstet. Das konnten lange nicht alle von sich behaupten und schon auf dem untersten Drittel passierten wir mehrere überhitzte oder defekte Mercedes. Ein Anblick, welcher mich an meine Kindheit und die Autofahrten über den Gotthard in die Sommerferien erinnerte. Bei uns trifft man das inzwischen ja nur noch ganz selten an. Obschon in Albanien extrem viele teure Karossen gefahren werden (und man sich ab und zu schon fragen kann, wie die das bezahlen), sind viele davon verhältnismässig schlecht gewartet und stossen oft dicken, schwarzen Qualm aus, weil qualitativ schlechtes und ab und an auch mal Diesel statt Benzin oder umgekehrt getankt wird.

Von Norden her führt die Strasse durch schöne Wälder hoch zur Passhöhe. Ab und zu hat die Strasse tiefe Risse, ist der Asphalt ganz weggebrochen oder weggeschwemmt oder es gilt andere unerwartete Hindernisse zu umfahren (vgl. Foto). Aber man hat eigentlich nicht wirklich das Gefühl, dass man von Meereshöhe her kommend auf über 1000 Meter hoch fährt. Das wird einem aber dann sofort klar, wenn man auf der Passhöhe angekommen ist. Das Panorama und die Aussicht auf das ionische Meer und die Insel Korfu sind schlicht überwältigend. Und dass man hier schon nahe Griechenland ist, bemerkt man auch am "Willkommen in Griechenland" SMS von Swisscom. Im Süden fällt dann der Pass steil zum Meer ab. Auf diesem Abschnitt wähnt man sich dann definitiv wie auf einer Passstrasse in der Schweiz.

Aus Zeitgründen fuhren wir nur einige Kilometer hinunter, um einmal mehr einen Cache zu suchen. Das Wochenende sollte uns bezüglich Geocaching aber kein Glück bringen und wir haben auch diese Dose nicht gefunden. Dafür hat uns das GPS zu einer etwas versteckten, von der Strasse nicht einsehbaren Plattform mit einem grossen alten Bunker geführt. Ein weiterer skurriler Zeitzeuge eines düsteren Kapitels der jüngeren albanischen Geschichte. Auf der Rückfahrt kauften wir dann am Strassenrand noch feinen Honig. Zur grossen Freude von Veronika schenkte ihr der freundliche kleine Honigverkäufer noch einen Sack mit dem, von ihr so geliebten Qaj Mali (Bergtee)!

  

Mittwoch, 4. Juni 2014

geburtstag im kalten wasser ...

Keine Panik. Die Geburtstagsfeier von Veronika ist nicht ins kalte Wasser gefallen. Kaltes Wasser ist lediglich die deutsche Übersetzung der Ortschaft Uji i Ftohtë, wenige Kilometer südlich von Vlorë. Und genau hier haben wir uns auf unserem Wochenentrip für die Nacht niedergelassen. Irgendwie fühlten wir uns einem Moment fast wie im Tessin. Eine kurvige Strasse führt dem Ufer entlang durch kleine Dörfer mit unzähligen Restaurants, die in den ziemlich steilen Hang hinein gebaut wurden. Eben fast wie wenn man dem See entlang von Lugano über Gandria nach Italien fährt. Allerdings ist es hier kein See, sondern das Mittelmeer am Scheidepunkt zwischen der Adria und dem Ionischen Meer. Bei unserer Ankunft im spontan ausgewählten netten kleinen Hotel Zhironi konnten wir bei einem kühlen Bier gerade noch den spektakulären Sonnenuntergang geniessen. Das Hotel ist übrigens in Wirklichkeit noch viel hübscher als seine Webseite, obschon auch da schöne Fotos zu sehen sind. Dem kühlen Bier folgten zwei, drei weitere und schliesslich ein ganz feines Nachtessen auf der coolen Terrasse des Hotels. Schwatzend und philosophierend vergingen die Stunden in Windeseile und Veronikas Geburtstag nahm trotz erlebnisreichem, mit Zwischenfällen gespicktem Tag doch noch ein gebührendes Ende.

Die ganze Schönheit dieser Gegend offenbarte sich uns dann aber am Sonntagmorgen beim ersten Blick aus dem Fenster unserers Zimmers. Das Wasser ist hier so sauber und klar, dass man die Fische darin noch aus grosser Entfernung von blossem Auge erkennen kann. Am liebsten wären wir gleich einige Tage geblieben, aber für den Sonntag stand noch ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm und am Montag musste ich schliesslich wieder zur Arbeit. Veronika und ich waren uns aber sofort einig. Wenn irgendwie möglich, kommen wir gerne wieder einmal zurück ins kalte Wasser :-)

  
  

Montag, 2. Juni 2014

zvërnec ...

Nach dem Ärger mit der Parkbusse und dem defekten Auto wurden wir dann endlich belohnt. Inzwischen war es früher Abend und die Sonne stand schon ziemlich tief. Aber gerade diese Lichtverhältnisse haben unsere Ankunft in Zvërnec zu einem besonderen Moment gemacht. Die hübsche kleine Insel mit wunderschönem Pinienwald und einer gut erhaltenen orthodoxen Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert erreicht man zu Fuss über einen etwas abenteuerlichen Holzweg.



Das man mit dem Auto nicht direkt vor ein Gebäude fahren kann, ist in Albanien wirklich eine Seltenheit. Vielleicht war gerade das auch der Grund, weshalb neben uns nur wenige andere Besucher auf der Insel waren. Immerhin war Samstag und das Wetter lies nichts zu wünschen übrig. Vielleicht war es aber auch die inzwischen vorgerückte Zeit. Egal, uns war es mehr als recht und wir genossen die Ruhe und Stille sehr. Trotz Idylle und perfekter Stimmung gab es aber auch hier einen kleinen Dämpfer zu verzeichnen. Trotz intensiver Suche konnten wir den Geocache nicht finden, der hier eigentlich in einer Mauer versteckt sein sollte. Dieser wurde wohl in der Zwischenzeit "gemugglet" (entwendet), wie man im Jargon der Geocacher pflegt zu sagen. Aber auch ohne diesen Fund hat sich der Abstecher nach Zvërnec sehr gelohnt. Ein wahrlich hübsches Fleckchen Erde!

  
  

Sonntag, 1. Juni 2014

unsere makina macht ärger ...

Nach unserer eher zwiespältigen Begegnung mit Fier ging die Fahrt weiter Richtung Süden nach Vlora. Die 40 Kilometer zwischen Fier und Vlora waren dann auch rasch zurückgelegt, denn 2011 wurde die Autostrada A2 eröffnet. Wenn man die Autobahnauffahrt erst einmal gefunden hat - die Abzweigung gleicht eher einem Feldweg, bevor dieser dann urplötzlich auf eine vierspurige Autobahn mündet - fällt einem die Einhaltung der Geschwindigkeitslimite von 90 km/h sehr schwer. Mit Sicherheit lag es aber mehr am Allgemeinzustand unseres Autos als am Tempo, dass der Motor kurz vor Vlora komisch zur ruckeln begann. Die Kraft war plötzlich weg und prompt fing am Armaturenbrett auch eine gelbe Lampe an zu blinken. Das Projektauto stammt ursprünglich aus der Schweiz, weshalb ein deutsches Handbuch vorhanden ist. Dem war dann zu entnahmen, dass es sich um eine Störung im Abgasbereich handeln musste, bei deren Auftreten sofort der Fachmann aufgesucht werden soll. Glücklicherweise waren wir kurz vor der Stadt Vlora. Das Auffinden einer Garage sollte also kein Problem sein. Aber ein Fachmann? Zudem wurden bei Veronika und mir böse Erinnerungen geweckt, als wir in Frankreich einmal Ärger mit unserem eigenen Auto hatten.

Unsere Zweifel waren aber völlig unberechtigt und einmal mehr im Leben wurden wir eines Besseren belehrt. In der ersten Garage liess man sofort alles fallen, um sich unserem Problem anzunehmen. Zielstrebig öffnete der Mechaniker nach Tobis italienischer Problembeschreibung die Motorhaube, löste einige Abdeckungen, deckte zwei Klappen auf und rümpfte dann die Nase. Seine erste Diagnose tönte übel, aber zu unserem Erstaunen zauberte er ein Messgerät hervor, schloss es an und erklärte uns auf dem Display, dass zwei der vier Zylinder nicht mehr richtig funktionieren. Mangels Ersatzteilen schickte er uns dann 300 Meter weiter in eine andere Garage. Grossherzig wies er sogar das angebotene Trinkgeld zurück und fügte noch an, dass sein Kollege ein wahrer Experte sei.

Ob der Diagnose erwarteten wir eine kompliziertere Reparatur und stellten und innerlich schon darauf ein, die Pläne für das Wochenende, notabene Veronikas Geburtstag, fallen zu lassen und im Bus nach Durrës zurückzukehren. In der zweiten Garage erwartete man uns schon. Offenbar hatte man uns (arme Schweine) bereits telefonisch angekündigt. In dieser VW-Garage sprach der Chef sogar gebrochen Deutsch und er nahm sich der Sache dann gleich selber an. Die Reparatur sei in 20 Minuten locker erledigt, liess er uns wissen. Ein kurzer Telefonanruf in eine dritte Garage und weitere 5 Minuten später waren dann auch alle notwendigen Ersatzteile vor Ort. Weil das Thermometer nachmittags um drei Uhr inzwischen auf über 30 Grad angestiegen war, zogen wir es vor, die Wartezeit im Schatten einer Kaffeebar auf der anderen Strassenseite zu überbrücken. 30 Minuten später war unser Auto dann Besitzer von vier neuen Einspritzpumpen und Zündkerzen und wir um rund 380 Franken ärmer, Arbeit mit eingeschlossen. Die alten Zündkerzen hätten gemäss Chef schon noch etwas gehalten. Aber wir wollten da nichts mehr anbrennen lassen, immerhin wartete auf unserem Routenplan noch etwas Gebirge. Am späten Samstagnachmittag ging dann unsere Fahrt endlich weiter auf die Halbinsel Zvërnec.

Und wir heben es schlussendlich dann auch geschafft. Das Foto oben im Beitrag zeigt unseren, an Kraft wiedererstarktes Golf in der Abendsonne auf Zvërnec. Dieses herrliche Fleckchen Erde verdient aber sicher einen eigenen Beitrag in diesem Blog. Mehr dazu also später.

auf nimmerwiedersehen fier ...

Glück und Unglück liegen manchmal nahe beieinander. Treffende könnte man den Ausflug vom vergangenen Wochenende gar nicht beschreiben. Doch jetzt schön der Reihe nach. Auf Anlass von Veronikas Geburtstag beschlossen wir, endlich einmal in den Süden von Albanien zu fahren. Mit von der Partie waren auch Tobi, ein Zürcher und ehemaliger Arbeitskollege von Stephan, der immer noch in Albanien weilt und Sarah, eine deutsche Kollegin von Tobi, die hier ebenfalls irgend in einem Projekt der Entwicklungszusammenarbeit tätig ist. Unser erstes Ziel war Fier (albanisch auch Fieri), eine Stadt in Mittelalbanien, deren Sehenswürdigkeiten im Reiseführer gerade einmal zwei Zeilen füllen. Der Grund für unseren Zwischenhalt in Fier war ein Geocache, der bis dato noch von niemandem gefunden wurde.

Also los, GPS ein und immer Richtung Nullpunkt. Eine erste Parkiergelegenheit hat Stephan mit dem Kommentar verschmäht, dass es sicher noch bessere Möglichkeiten näher am Nullpunkt gibt. Schliesslich sind wir in Albanien und da ist Laufen nicht wirklich im Trend. Und siehe da, am Rand der Hauptstrasse hatte es mehr als genügend freie Plätze. Rückblickend hätten wir eigentlich ob diesem Umstand schon skeptisch werden müssen. Wie dem auch sei. Die Suche nach dem Cache blieb leider erfolglos. Zu viele Leute tummelten sich an diesem Samstag auf den Strassen und uns fehlte schlussendlich der Mut, noch länger frech um fremde Häuser herumzuschleichen. 15 Minuten später waren wir also wieder bei unserem Auto und stellten verwundert fest, dass diesem am Vorderrad eine Radkralle als Wegfahrsperre verpasst wurde und zwei illustre Gestalten in komischen Uniformen beim Auto standen. Und als ob das nicht schon genug wäre, näherte sich auf der Gegenfahrbahn bereits ein grosser Abschlepplaster.

Nachdem nach einigen Minuten noch ein weiterer Uniformierter aufgetrieben wurde, der wenigstens gebrochen Englisch sprach, wurde uns erklärt, dass wir ohne gültiges Ticket geparkt hätten. Und das ausgerechnet in Albanien. In einem Land, in welchem jeder gerade parkt, wie und wo es ihm passt. Freundlich wurden wir auf das Schild aufmerksam gemacht, welches diese Regel offenbar kund tut. Dumm nur, dass es von der Strasse aus, hinter Bäumen und abgewendet zum Trottoir gar nicht zu sehen, verschweige denn zu lesen war. Uns bleibt bis heute zudem schleierhaft, wo denn diese Parktickets zu lösen wären. Parkautomaten haben wir in Albanien jedenfalls noch nie gesehen. Der nette Uniformierte informierte uns schlussendlich, dass wir das Parkticket und eine Busse zu bezahlen hätten, womit sich die Summe auf 40 Euro belaufe! Das war dann zu viel des Guten für Stephan und er rief einen albanischen Arbeitskollegen an, der sich als Logistikverantwortlicher die Klärung spezieller Situationen gewohnt ist. Das Handy wurde den Sicherheitsleuten (die keine Polizisten waren) weiter gereicht und nach mehreren Minuten heftiger Argumentation war der Betrag dann auf 3000 Lekë oder rund 20 Euro halbiert, um damit mindestens den bereits angerückten Abschleppwagen zu bezahlen.

Fier wird uns für ihren rechtlich vielleicht korrekten, in Bezug auf die Gastfreundlichkeit aber eher unbeholfenen Empfang nicht besonders symphytisch in Erinnerung bleiben. Daran vermögen sicher auch die, man möge mir die Wortwahl verzeihen, hässlichen Überbleibsel aus vergangenen Zeiten nichts zu ändern. Während der kommunistischen Diktatur war Fier eine wichtige Industriestadt. Unmittelbar am Stadtrand ragen noch heute die Kamine des ehemaligen Kombinats zur Düngerproduktion und die Kühltürme der thermischen Kraftwerke in den Himmel. Eine skurrile, düstere und irgendwie doch faszinierende Szenerie. Die Anlagen sind zum Glück seit 2007 nicht mehr in Betrieb. Und trotzdem. Der Boden ist immer noch komisch gefärbt, einige Rohre auf dem Areal dampfen nach wie vor und ein komischer Geruch liegt in der Luft. Tragisch für all die Leute, die in unmittelbarer Umgebung der Anlage wohnen (müssen). Man sollte niemals nie sagen, aber nichts Ausserordentliches eintritt, dann sagen wir getrost auf Nimmerwiedersehen Fier.

  

Die alten Industrieanlagen haben offenbar auch schon bei anderen Reisenden einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Einer davon ist sogar extra noch einmal nach Fier zurückgekehrt und hat dabei eindrückliche Fotos gemacht, die er in seinem Blog publiziert.

Mittwoch, 21. Mai 2014

kuriositäten aus dem alltag ...

Inzwischen war ich schon mehrmals und über längere Zeit in Albanien. Mit zunehmender Zeit verändert sich auch die Wahrnehmung und vieles ist für mich inzwischen normal und vertraut geworden. Das ist in vielen Bereichen auch gut und schont die Nerven. Trotz einem gewissen Alltagstrott gibt es aber immer wieder Situationen, in welchen mir wieder bewusst wird, dass ich eben in einem anderen Land mit einer anderen Geschichte und vor allem auch mit einer anderen Kultur zu Gast bin. Häufig sind es Situationen oder Begebenheiten, die mich verwirren, erschrecken oder nachdenklich stimmen. Glücklicherweise gibt es aber auch immer wieder Situationen, in welchen ich einfach herzhaft schmunzeln muss. Manchmal denke ich dann, dass wir bei uns in der Schweiz viele kleine Probleme ganz gross machen, obschon es doch auch ganz praktische und lebensnahe Lösungen möglich sind. Hier einige Beispiele:

Trainingsanzüge sind eine bequeme Sache. Und deshalb gehören Trainingsanzüge in allen Farben und Ausführungen zum Alltag in Albanien. Genau genommen gibt es eigentlich auch keinen vernünftigen Grund, sich nicht bequem zu kleiden. Vielleicht mit einer kleinen Ausnahme. Das Bild links zeigt einen typischen, pubertierenden und etwas machohaften Teenager, wie es sie auch bei uns in Massen gibt. Was sich aber der Junge auf dem Foto mit Sicherheit nicht bewusst ist, ist die wahre Herkunft seiner Jacke. Denn würde er diesen kennen (oder die weissen Lettern auf dem Rücken verstehen), dann würde er diese mit Bestimmtheit nicht mehr tragen!



Ein weiteres Beispiel betrifft das Parkieren. Während sich Politik und Öffentlichkeit in der Schweiz häufig über das Thema Parkplätze streiten, hat man hier schon lange Lösungen für das Platzproblem gefunden. Und sollte die erste Reihe entlang des Trottoirs bereits besetzt sein, dann nimmt man halt das Trottoir oder aber man beginnt einfach mit einer zweiten Reihe. No problem oder eben s'ka problem. Wohl bemerkt. Bei den Fahrzeugen auf dem dritten und vierten Foto handelt es sich nicht um vorbeifahrende Autos. Diese sind parkiert und die Warnblinker sind sauber eingeschaltet.

 
 

In unserem Hochhaus ist der zweite Lift seit meiner Ankunft und wohl auch schon seit Monaten oder Jahren defekt und ausser Betrieb. Was in der Schweiz schleunigst behoben würde, wird hier kurzerhand umgenutzt. Denn eigentlich ist es ganz praktisch, im Treppenhaus eine unbenutzte Ecke als Zwischendepot für leere Flaschen und Abfallsäcke zu haben. Schliesslich will man ja nicht immer gleich vom zehnten Stock auf die Strasse zum Container. Schon gar nicht, wenn einer der beiden Lifte defekt ist! Schade, dass ich fotografisch nicht alle zwölf Stockwerke gleichzeitig festhalten konnte, denn der Anblick gestaltet sich vor der Lifttüre auf jedem Stock ganz ähnlich.

In meinem letzten Beitrag habe ich bereits den Dampfabzug in unserer Wohnung vorgestellt. Nun ist uns in einem kleinen Fast Food Lokal noch ein schöneres Exemplar ins Auge gestochen. Ganz offenbar war im ursprünglichen Konzept betreffend Einbau der Küche etwas anderes vorgesehen. Aber eben, Pläne ändern und nun hängt der saugkräftige Grossküchendampfabzug hübsch über einem netten Zweiertischchen. Eigentlich auch nicht schlecht wenn man bedenkt, dass in Albanien heute noch in allen Lokalen schamlos gepafft wird was das Zeugs hält! Man beachte übrigens auch die romantische Lampe gleich neben – oder besser hinter – dem Dampfabzug.

 

Sonntag, 18. Mai 2014

von dampfabzügen ...

Ein ganz besonderes Bijou albanischer Küchenbaukunst wollen wir unserer Leserschaft nicht vorenthalten. So ein Dampfabzug ist nämlich eine praktische Sache. Wenn da oberhalb nur nicht dieses doofe Küchenkästli wäre, welches doch prompt den Abzug der Luft blockiert. Aber als Küchenbauer muss man sich hier halt zu helfen wissen! Die eher unkonventionelle, aber durchaus kreative Lösung dieses Problems ist auf den folgenden Bildern gut zu erkennen. Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass das Küchenkästli für seine ursprüngliche Aufgabe natürlich kaum mehr zu gebrauchen ist und dessen Innenseite permanent mit einer leicht klebrigen Schicht aus Bratfett bedeckt ist. Zum Glück haben wir noch andere Schränke in der Küche unserer Wohnung! Wir wünschen einen schönen Sonntag :-)

 

Samstag, 17. Mai 2014

kaffeekränzchen mit freunden ...

Normalerweise mangelt es uns an wenig, wenn wir in der Ferne sind. Im Gegenteil. Die Möglichkeit des tägliche Erkundens und Erlebens einer fremden Umgebung und Kultur entschädigt weit mehr als der gelegentliche Verzicht auf bekannte und wohlvertraute Annehmlichkeiten. Vieles ist in der Fremde auch einfacher, denn es gelingt uns oft besser, das Leben auf diejenigen Dinge zu konzentrieren, die wir gerne tun und die wir lieben. Etwas allerdings fehlt uns dann doch: Die Gesellschaft von guten und vertrauten Freunden aus der Heimat.

Umso schöner ist es, wenn wir jeweils Besuch von Freunden aus der Schweiz erhalten. Und letzte Woche war es wieder einmal soweit. Caro besuchte uns, nach letztem November bereits zum zweiten Mal, hier in Albanien. Und diesmal war zu unserer grossen Freude auch Momo mit dabei, womit das multikulturelle Gipfeltreffen zwischen Tunesien und der Schweiz in Albanien perfekt war. Der Start des Besuchs gestaltete sich zwar etwas harzig, weil der Flug der Beiden erst mit zwei Stunden Verspätung und damit nachts um 02.00 Uhr angekommen war. Offenbar hatte ihre Maschine in Ljubljana noch einen Flug aus Amsterdam abgewartet, um dann ein paar Jungs mitzunehmen, welche in Tirana schon von der Polizei erwartet wurden. Rückführungen bei Flügen aus dem (gelobten) Westen sind hier an der Tagesordnung.

Vroni und ich haben uns die Wartezeit kaffeetrinkend am modernen, kleinen Flughafen von Tirana um die Ohren geschlagen. Kaffeetrinkend ging es die nächsten zwei Tage dann auch weiter. Ab und zu haben wir allerdings den Kaffee schon noch mit einem feinen Raki ergänzt oder im Fall der Frauen durch einen Gin Tonic substituiert. Frischer Fisch im kleinen Fischerhafen, ein kurzer Abstecher nach Tirana und ein Besuch an der Berufsschule hatten natürlich auch Platz im Programm. Glücklicherweise war ich während Momos Shoppingattacke dann beruflich unterwegs. Vor allem aber haben wir die gemeinsame Zeit auch zum Quatschen, Tratschen und Philosophieren genutzt. Wir sind bezüglich News aus der Heimat jetzt wieder auf dem neusten Stand. Liebe Caro und lieber Momo. Es war schön, euch hier bei uns zu haben. Wir haben es sehr genossen. Danke!

Freitag, 16. Mai 2014

erinnerungen an meine lehrzeit ...

  

In vielen Berufsbildungsprojekten in Entwicklungs- und Schwellenländern stellt die aktive Mitarbeit des Privatsektors eine grosse Herausforderung dar. Häufig fehlt es an funktionierenden Berufs- oder Interessenverbänden aus der Wirtschaft, welche sich der Berufsbildung in ihrem Sektor annehmen. Firmen beklagen sich zwar über fehlende qualifizierte Fachkräfte, aber die Ausbildung von Jugendlichen wird traditionellerweise als Auftrag des Staates verstanden. Und häufig münden dann solche Bildungssysteme wie in Albanien darin, dass ein schwindelerregender Anteil von rund 80% der Jugendlichen den gymnasialen Weg einschlägt, um später an einer Universität zu studieren. Diese massive Akademisierung führt dann wiederum dazu, dass unglaublich viele studierte Juristen, Ingenieure oder Ökonomen in Supermärkten, Hotels und Bars arbeiten, weil sie in der realen Wirtschaft wegen fehlender Praxis oft nicht zu gebrauchen sind oder weil eine Nachfrage für ihre Berufsgruppe schlicht fehlt. Ausserdem führt der hohe Anteil an Studierten dazu, dass Berufslehren in der Gesellschaft leider einen schlechten schlechten Ruf geniessen. Eltern, die etwas auf sich haben, schicken ihre Kinder an die Universität (und wenn sie es vermögen noch besser an eine private Uni), aber sicher nicht in eine Berufslehre!

Neulich wurde ich aber Zeuge einer äusserst positiven Zusammenarbeit des Privatsektors mit staatlichen Bildungsinstitutionen. Ein albanischer Grossverteiler von Baubedarf lädt jährlich zehn Berufsschulen aus ganz Albanien zur Berufsolympiade ein. Angehende Sanitärinstallateure, Elektriker, Möbelschreiner, Gärtner und andere Berufe messen sich dann auf dem grossen Parkplatz des Grossverteilers während einem Tag in praktischen Arbeiten. Den Gewinnern winkt eine Gutschein von 3'000 Euro, welcher die Schule für den Bezug von dringend benötigtem Ausbildungs- und Verbrauchsmaterial verwenden kann. Das ist eine unglaublich hohe Summe für albanische Verhältnisse und entsprechend lautstark und enthusiastisch wurden die Teilnehmenden durch ihre Schulkollegen, Lehrer und gar Schuldirektoren zu Höchstleistungen angetrieben. Ab und zu wähnte ich mich eher an einem Fussballspiel.

Beim Beobachten der Elektriker wurde ich dann an meine eigene Lehrzeit erinnert, als ich und meine Kollegen in den Einführungskursen wie Kühe in Boxen unsere ersten elektrischen Installationen an die uns umgebenden Holzwände geschraubt haben. Trotz gewisser Parallelen waren aber doch einige Unterschiede auszumachen. Während Herr Wolleb, unser berüchtigter Einführungskursleiter, bei der Arbeit stets absolute Ruhe und Konzentration verlangte, wurden die Albaner den ganzen Tag massiv mit den aktuellen Hits aus den Charts beschallt. Ja, Musik darf hier nicht fehlen. Und obschon während meiner Lehre in der Schweiz das Rauchen vielerorts noch erlaubt war, hätte dies unser Herr Wolleb während der Arbeit nie und nimmer geduldet. Hier in Albanien gehört auch das dazu wie das Amen in der Kirche und die Experten der Jury oder die Lehrer machen selber gleich den Anfang. Gepafft wird wirklich immer und überall. Schmunzeln musste ich auch über die weissen Handschuhe, welche die angehenden Elektriker übergezogen hatten. Dann erinnerte ich mich aber wieder daran, wie oft ich nach getaner Arbeit noch Finger- und Handabdrücke auf Kanälen oder Tapeten reinigen musste. Da hätten mir solche Handschuhe sicher oft einen guten Dienst erwiesen.

Als Unterschied sei noch erwähnt, dass unsere damaligen Chefs mit Sicherheit uns Lehrlinge dafür verantwortlich gemacht haben, wenn Resultate oder Prüfungen nicht ganz so gut wie erhofft herausgekommen sind. Hier in Albanien protestierten nach der Bekanntgabe der Resultate einige Lehrer sehr lautstark und stellten sofort die Vertrauenswürdigkeit der Jury in Frage. Ein Handgemenge konnte dann dank geduldiger Zeitgenossen zwar vermieden werden, aber die Delegationen einiger Schulen verliessen die Veranstaltung noch während der Rangverkündigung enttäuscht und mit hängenden Köpfen. Hier scheint es (vor allem bei Lehrern) bezüglich Vorbildwirkung; Wettbewerb, Fairness und Konfliktbewältigung noch Entwicklungspotenzial nach oben zu geben. Wie dem auch sei! Die Berufsolympiade war ein toller Event und ist definitiv ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Wer weiss, wie lange es noch geht, bis eine Delegation mit Berufsleuten auch an den Berufsweltmeisterschaften teilnimmt? Die Anwesenheit der Presse und Fernsehstationen hat nicht nur den Grossverteiler als Organisator und die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen glücklich und stolz gemacht, sondern sicher auch dazu beigetragen, dass die sonst eher schlecht angesehene Berufsbildung in einem positiven Licht dargestellt wurde. Die grosse Präsenz der Medien lässt sich zwar eher auf den angekündigten Auftritt des Ministers als auf das Thema des Events zurückführen. Aber weil in Albanien vieles kurzfristig ändert, liess sich dann auch der Minister trotz Presse durch seine Vizeministerin vertreten.

Montag, 5. Mai 2014

zurück in durrës ...

Nach der relativ stressigen Woche in Kolumbien und einem kurzen Abstecher nach Hause bin ich jetzt wieder zurück in Albanien. In den nächsten sechs Wochen werde ich innerhalb des Berufsbildungsprojekts noch verschiedene Massnahmen umsetzen, bevor dann Ende Juni 2014 die letzte Phase der Unterstützung abgeschlossen sein wird. Zurzeit bin ich noch alleine hier in Durrës, aber Veronika wird bereits am kommenden Samstag nachreisen und drei Wochen mit mir verbringen können. Ich freue mich bereits sehr :-)

Bedingt durch die vielen Reisen hat für mich das Fliegen seine ursprüngliche Faszination schon lange verloren und die Wartezeiten auf Flughäfen sind inzwischen mehr eine Qual als ein Genuss. Erwähnenswert scheint mir bei der Reise nach Albanien lediglich die nette Dame am Flughafen Zürich, welche mein Gepäck trotz Übergewicht ohne Aufstand und ohne Übergewichtzuschlag etikettiert und spediert hat. Vielleicht lag es an meiner Begründung, dass für zwei Monate Aufenthalt halt schon so einiges zusammenkommt. Vielleicht lag es aber auch an meinem verlegenen und naiven Lächeln beim Wägen des Koffers. Wie dem auch sei. Ich habe bei der Abfertigung schon ganz andere Büffel erlebt und bemerkenswerterweise waren es immer Männer.

Die Ankunft in Albanien war nach den drei wunderbaren Monaten im letzten Herbst fast ein wenig wie ein nach Hause kommen. Inzwischen kenne ich in Durrës auch ausserhalb der Arbeit ziemlich viele Leute. Zugegebenermassen beschränkt sich das Kennen eher auf das Kennen vom Sehen und der besagte Bekanntenkreis konzentriert sich vor allem auf Angestellte in Restaurants und Supermärkten. Aber auch diese eher oberflächlichen Beziehungen können sehr wertvoll sein. Oder wo sonst auf der Welt weigert sich die fürsorgliche Verkäuferin im Supermarkt beim ersten Wiedersehen, einem ein Brot zu verkaufen, wenn es doch in der Bäckerei auf der anderen Strassenseite viel frischeres zu kaufen gibt? Ja, und dann ist da die erfreuliche Geschichte mit Ledio, dem ehemaligen Kellner in unserer Stammkneipe. Er wurde letzten Herbst von seinem Chef mir nichts, dir nichts gefeuert und wir haben uns damals Sorgen gemacht, ob der plötzliche Rausschmiss wohl mit der Nähe und entstandenen Freundschaft mit uns Schweizer Stammgästen zu tun haben könnte. In den letzten Monaten hat der Chef nun seine Bar massiv ausgebaut, womit auch der Bedarf an Servicepersonal gestiegen ist. Und siehe da. Der Chef hat Ledio nach einer dreimonatigen "Pause" wieder eingestellt. Ein sehr erfreuliches Wiedersehen!

Stoff für ein ganzes Buch würde aber der Bezug meiner neuen Wohnung in Albanien liefern. Die Lage ist wiederum top. Eine Wohnung im Zentrum von Durrës, unmittelbar am Meer, mit 2 Schlafzimmern, 2 Badezimmern, einer Küche und zwei Balkone ist grundsätzlich einfach genial. Leider aber war die Wohnung ganz offenbar längere Zeit nicht bewohnt (was bei einem extremen Bauboom und entsprechendem Überangebot an Wohnungen in Albanien nicht weiter verwunderlich ist) und deshalb bin ich einem akuten Ersticken an Staublunge in der ersten Nacht nur knapp entkommen. Von insgesamt sieben Lampen in der Wohnung versagten zudem deren fünf ihren Dienst und auch die sanitären Einrichtungen wiesen deutliche Standschäden auf. Wobei, ob es sich hierbei wirklich nur um Standschäden handelt, wage ich zu bezweifeln. Denn eigentlich ist es hier ganz normal, dass in Toiletten und Duschen das Wasser dort tropft oder herausspritzt, wo es eigentlich nicht sollte. Und dort wo es dafür soll, kommt häufig nix! Zum Glück gibt es in der Mitte jedes Badezimmers und jeder Toilette einen zentralen Abfluss. Und wenn dann der Plattenleger das Gefälle auch richtig nivelliert hat, fliesst das im ganzen Raum verspritzte Wasser wenigstens durch diesen Abfluss ab.

Der "leicht" angestaubte Zustand der Wohnung hat mich wohl oder übel dazu gezwungen, die ersten Tage mehrheitlich damit zu verbringen, Putzmaterial und Ersatzteile zu besorgen und die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Inzwischen ist der Staub weg gemobbt, brennt in jedem Zimmer mindestens eine Lampe (was vor allem nachts von Vorteil ist), sind die meisten Abflussrohre entstopft oder gegebenenfalls wieder dicht (mit Ausnahme des unablässig tropfenden Boliers), hat die Waschmaschine ihren Betrieb aufgenommen, sind Kleiderbügel besorgt und die Kleider in den gereinigten Schränken eingeräumt, ist die Küche poliert und mit Grundnahrungsmitteln ausgestattet und ist der Wireless-Internetzugang des benachbarten Hotels geknackt. Kurz: Ich fühle mich jetzt rundum wohl und gerne füge ich der interessierten Leserschaft zu Hause unten einige Fotos der Wohnung an. Einige ausgewählte Leckerbissen handwerklichen Schaffens und Könnens hebe ich mir aber gerne noch für spätere Blogbeiträge auf.

   
   

Donnerstag, 26. Dezember 2013

auf wiedersehen in albanien ...

Die Zeit ist schnell vergangen und unsere drei Monate in Albanien sind vorbei. Mit etwas Wehmut blicken wir auf eine unglaublich spannende und interessante Zeit zurück. Albanien und insbesondere die Gastfreundschaft sind uns sehr ans Herz gewachsen. Zum Abschluss gibt es hier noch einmal einige Fotoimpressionen:



Natürlich freuen wir uns jetzt auf das Wiedersehen mit unseren Familien und Freunde in der Schweiz. Der Zeitpunkt mit der bevorstehenden Weihnachtszeit könnte ja nicht besser sein. Zudem fällt der Abschied aus Albanien nicht ganz so schwer, denn inzwischen ist klar, dass es im kommenden Frühling noch einmal einen längeren Aufenthalt im Rahmen des Projektes geben wird. Bis dann sagen wir "Lamtumirë në Shqipëri" - Auf Wiedersehen in Albanien :-)

Sonntag, 8. Dezember 2013

në punë ...

 

Keine Angst! Uns geht es nach wie vor hervorragend. Auf den Fotos oben handelt es sich nicht um Aufnahmen aus einem Spital und die Dame in weiss ist auch keine Krankenschwester. Nein, es sind Fotos aus der Berufsschule, in welcher ich in den letzten drei Monaten häufig anzutreffen war. Unsere Zeit hier in Albanien neigt sich leider schon bald dem Ende zu. Am 20. Dezember geht es zurück in die Schweiz. Höchste Zeit also, auch einmal etwas über die Arbeit hier zu schreiben. Wir waren schliesslich nicht zur Erholung oder zum Vergnügen hier, auch wenn das zugegebenermassen sicher nicht zu kurz gekommen ist. Në punë, bei der Arbeit

In den letzten drei Monaten war ich innerhalb des Programi Zviceran i Mbështetjes për Arsimin dhe Formimin Profesional Shqiptar tätig, was in etwa so viel heisst wie Schweizer Programm zur Unterstützung der Albanischen Berufsbildung. Verständlicherweise und der Einfachheit halber wird das Projekt aber meistens schlicht AlbVET (Albanien Vocational and Educational Training) genannt. Ich will die Leser und Leserinnen jetzt nicht mit trockenen Projektdetails langeweilen. Wer aber Interesse an den Hintergründen dieses, durch die Schweiz finanzierte Projekt hat, darf die Details auf der Webseite meines Arbeitgebers hier gerne nachlesen.

Auf jeden Fall blicke ich auf unglaublich spannende drei Monate zurück. Selten hatte ich einen abwechslungsreicheren Job, der aufgrund der kulturellen und entwicklungstechnischen Unterschiede mit Aufgaben gepaart war, die einem täglich wieder aufs Neue herausfordern und die einem vor allem auch dazu zwingen, das gewohnte Tempo anzupassen, bekannte eigene Muster aufzugeben und neue Denkweisen zuzulassen. Ich könnte ein Buch mit vielen positiven, herzlichen und lustigen, aber auch mit traurigen, nachdenklich stimmenden oder schlicht verrückten kleinen Geschichten füllen. Für den Moment beschränke ich mich aber auf eine kleine Auflistung einiger Tätigkeiten aus meinem Berufsalltag. Ich durfte Berufsbilder und Berufsbilderinnen coachen und weiterbilden, ich durfte direkt mit Studenten arbeiten, ich habe einen Lehrplan für die Ausbildung von Informatikpraktikern revidiert und neu geschrieben, ich habe an Konferenzen und Meetings bildungspolitische Überzeugungsarbeit bei Behörden geleistet und ich habe versucht, den de facto noch unorganisierten und unstrukturierten Privatsektor für die praktische Berufsbildung einzuspannen. Ich habe also nicht nur Steuergelder aus der Schweiz verbraten :-) Viele kleine Schritte konnten erreicht werden. Etliche grössere Brocken stehen noch bevor. Ich bin zuversichtlich, dass meine albanischen Kollegen und Kolleginnen diese in den nächsten Jahren meistern werden. Aber eben, immer schön avash avash (slowly slowly), wie es die Albaner pflegen auszudrücken.

In einer halben Stunde nun mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Heute erwarte ich noch zwei ehemalige Arbeitskollegen mit 9 Lernenden aus der Schweiz. Zusammen mit den albanischen Berufsbildnern und rund 26 Studenten werden wir nächste Woche eine gemeinsame Projektwoche durchführen. Diese wird für alle Beteiligten ganz sicher eine spannende Erfahrung und Bereicherung und für mich persönlich wohl so etwas wie eine Krönung zu Abschluss meines Aufenthalts. Ich freue mich sehr! Dominik Lüdi berichtet übrigens auf Radio 32 auch über diese Projektwoche! Hier gibt es die drei Sendungen zu hören (einfach herunterladen und abspielen) :-) Danke, Dominik!

Zum Schluss publiziere ich gerne noch einige Fotos aus dem beruflichen Alltag hier in Albanien.

Es ist auch in Albanien kalt geworden und die Schulen haben keine Heizung...



Und wenn es dann ab und zu regnet, dann wird es auch im Innern der Schule feucht und nass. Infrastrukturell und materiell mangelt es an Vielem. Meistens hat es kein Papier, keine Filzstifte, kein Toner und ab und zu auch keinen Papierkorb...

  

Wenn der Pförtner jeweils am Morgen die Gittertüre öffnet, strömen hunderte von Schülern (und in der technischen Berufsschule sind es tatsächlich nur Jungs) in ihre Klassenzimmer. Im Treppenhaus wird es jeweils sehr eng...

  

Im Gegensatz zu den regulären Klassen in der Berufsschule tragen die Studenten in unserem neuen Kurs für IT-Praktiker keine weissen Schürzen mehr und die Anordnung der Arbeitsplätze gestaltet sich für unsere Verhältnisse auch etwas moderner. Vor allem aber sind die Klassen gemischt und auch junge Frauen werden zu Informatikerinnen ausgebildet...

 

Ab und zu kommt auch mal ein Minister zu Besuch oder ich darf an interessanten Konferenzen teilnehmen...