Ich bin jetzt seit zwei Tagen in Bogotá. Der Grund meiner Reise ist ein Beratungsmandat in einem Projekt für duale Berufsbildung beim Servicio Nacional de Aprendizaje, kurz SENA. Das ist die staatliche Institution, welche für die Bildung zuständig ist. Das SENA hat rund 33'000 Angestellte und bildet pro Jahr mehr als 6 Millionen Personen in irgend einer Form aus resp. weiter. Das sind völlig neue Dimensionen für mich. Aber eigentlich ist es ja auch klar, denn Kolumbien ist mit seinen knapp 48 Millionen Einwohnern nach Brasilen bevölkerungsmässig das zweitgrösste Land von Südamerika. Und nur schon im Grossraum Bogotá leben mit 8 Millionen gleich viele Leute wie bei uns in der ganzen Schweiz!
Von Bogotá habe ich eigentlich noch nicht viel gesehen. Nach meiner nächtlichen Ankunft ist es am Donnerstagmorgen um 08.00 Uhr gleich mit den ersten Meetings losgegangen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass man im Stossverkehr für eine Strecke von wenigen Kilometern gut und gerne eine Stunde im Taxi sitzt. Je nach dem, wo jemand in der geografisch langgezogenen Stadt wohnt, ist ein Arbeitsweg von 2 Stunden im Bus für einen Einheimischen an der Tagesordnung. Und ich spreche wohlverstanden von einem Weg. Das gibt dann extrem lange Arbeitstage.
Überhaupt spüre ich hier (noch) nicht viel von Fiesta oder lockerem lateinamerikanischem easy going. Ich bin sehr positiv überrascht von der Organisation, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft im Berufssalltag. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich zuvor relativ lange in Albanien war. Im Vergleich dazu, klappt hier einfach alles und meine Arbeitskollegen erweisen sich als äusserst kompetente und leistungsbereite Persönlichkeiten. Vor allem aber, und das ist gleich wie in Albanien, wurde ich auch hier sehr herzlich empfangen.
Nach zwei äusserst spannenden, aber anstrengenden Arbeitstagen, bin ich ziemlich geschafft. Trotz meiner Spanischkenntnisse ist es sehr ermüdend für mich, den extrem schnell sprechenden Kolumbianern mit ihrem besonderen Dialekt in den Meetings über mehrere Stunden konzentriert zu folgen. Dazu kommt, dass halt das gesamte berufsspezifische Vokabular neu ist für mich. Pero estoy mejorando cada dia! Ich werde jeden Tag besser.
Nun bin ich froh, dass das Wochenende da ist. Neben etwas Erholung und Entspannung werde ich jetzt sicher auch die Zeit finden, um die Stadt etwas besser zu erkunden.
Samstag, 15. Februar 2014
Donnerstag, 26. Dezember 2013
auf wiedersehen in albanien ...
Die Zeit ist schnell vergangen und unsere drei Monate in Albanien sind vorbei. Mit etwas Wehmut blicken wir auf eine unglaublich spannende und interessante Zeit zurück. Albanien und insbesondere die Gastfreundschaft sind uns sehr ans Herz gewachsen. Zum Abschluss gibt es hier noch einmal einige Fotoimpressionen:
Natürlich freuen wir uns jetzt auf das Wiedersehen mit unseren Familien und Freunde in der Schweiz. Der Zeitpunkt mit der bevorstehenden Weihnachtszeit könnte ja nicht besser sein. Zudem fällt der Abschied aus Albanien nicht ganz so schwer, denn inzwischen ist klar, dass es im kommenden Frühling noch einmal einen längeren Aufenthalt im Rahmen des Projektes geben wird. Bis dann sagen wir "Lamtumirë në Shqipëri" - Auf Wiedersehen in Albanien :-)
Natürlich freuen wir uns jetzt auf das Wiedersehen mit unseren Familien und Freunde in der Schweiz. Der Zeitpunkt mit der bevorstehenden Weihnachtszeit könnte ja nicht besser sein. Zudem fällt der Abschied aus Albanien nicht ganz so schwer, denn inzwischen ist klar, dass es im kommenden Frühling noch einmal einen längeren Aufenthalt im Rahmen des Projektes geben wird. Bis dann sagen wir "Lamtumirë në Shqipëri" - Auf Wiedersehen in Albanien :-)
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Sonntag, 8. Dezember 2013
në punë ...
Keine Angst! Uns geht es nach wie vor hervorragend. Auf den Fotos oben handelt es sich nicht um Aufnahmen aus einem Spital und die Dame in weiss ist auch keine Krankenschwester. Nein, es sind Fotos aus der Berufsschule, in welcher ich in den letzten drei Monaten häufig anzutreffen war. Unsere Zeit hier in Albanien neigt sich leider schon bald dem Ende zu. Am 20. Dezember geht es zurück in die Schweiz. Höchste Zeit also, auch einmal etwas über die Arbeit hier zu schreiben. Wir waren schliesslich nicht zur Erholung oder zum Vergnügen hier, auch wenn das zugegebenermassen sicher nicht zu kurz gekommen ist. Në punë, bei der Arbeit
In den letzten drei Monaten war ich innerhalb des Programi Zviceran i Mbështetjes për Arsimin dhe Formimin Profesional Shqiptar tätig, was in etwa so viel heisst wie Schweizer Programm zur Unterstützung der Albanischen Berufsbildung. Verständlicherweise und der Einfachheit halber wird das Projekt aber meistens schlicht AlbVET (Albanien Vocational and Educational Training) genannt. Ich will die Leser und Leserinnen jetzt nicht mit trockenen Projektdetails langeweilen. Wer aber Interesse an den Hintergründen dieses, durch die Schweiz finanzierte Projekt hat, darf die Details auf der Webseite meines Arbeitgebers hier gerne nachlesen.
Auf jeden Fall blicke ich auf unglaublich spannende drei Monate zurück. Selten hatte ich einen abwechslungsreicheren Job, der aufgrund der kulturellen und entwicklungstechnischen Unterschiede mit Aufgaben gepaart war, die einem täglich wieder aufs Neue herausfordern und die einem vor allem auch dazu zwingen, das gewohnte Tempo anzupassen, bekannte eigene Muster aufzugeben und neue Denkweisen zuzulassen. Ich könnte ein Buch mit vielen positiven, herzlichen und lustigen, aber auch mit traurigen, nachdenklich stimmenden oder schlicht verrückten kleinen Geschichten füllen. Für den Moment beschränke ich mich aber auf eine kleine Auflistung einiger Tätigkeiten aus meinem Berufsalltag. Ich durfte Berufsbilder und Berufsbilderinnen coachen und weiterbilden, ich durfte direkt mit Studenten arbeiten, ich habe einen Lehrplan für die Ausbildung von Informatikpraktikern revidiert und neu geschrieben, ich habe an Konferenzen und Meetings bildungspolitische Überzeugungsarbeit bei Behörden geleistet und ich habe versucht, den de facto noch unorganisierten und unstrukturierten Privatsektor für die praktische Berufsbildung einzuspannen. Ich habe also nicht nur Steuergelder aus der Schweiz verbraten :-) Viele kleine Schritte konnten erreicht werden. Etliche grössere Brocken stehen noch bevor. Ich bin zuversichtlich, dass meine albanischen Kollegen und Kolleginnen diese in den nächsten Jahren meistern werden. Aber eben, immer schön avash avash (slowly slowly), wie es die Albaner pflegen auszudrücken.
In einer halben Stunde nun mache ich mich auf den Weg zum Flughafen. Heute erwarte ich noch zwei ehemalige Arbeitskollegen mit 9 Lernenden aus der Schweiz. Zusammen mit den albanischen Berufsbildnern und rund 26 Studenten werden wir nächste Woche eine gemeinsame Projektwoche durchführen. Diese wird für alle Beteiligten ganz sicher eine spannende Erfahrung und Bereicherung und für mich persönlich wohl so etwas wie eine Krönung zu Abschluss meines Aufenthalts. Ich freue mich sehr! Dominik Lüdi berichtet übrigens auf Radio 32 auch über diese Projektwoche! Hier gibt es die drei Sendungen zu hören (einfach herunterladen und abspielen) :-) Danke, Dominik!
Zum Schluss publiziere ich gerne noch einige Fotos aus dem beruflichen Alltag hier in Albanien.
Es ist auch in Albanien kalt geworden und die Schulen haben keine Heizung...
Und wenn es dann ab und zu regnet, dann wird es auch im Innern der Schule feucht und nass. Infrastrukturell und materiell mangelt es an Vielem. Meistens hat es kein Papier, keine Filzstifte, kein Toner und ab und zu auch keinen Papierkorb...
Wenn der Pförtner jeweils am Morgen die Gittertüre öffnet, strömen hunderte von Schülern (und in der technischen Berufsschule sind es tatsächlich nur Jungs) in ihre Klassenzimmer. Im Treppenhaus wird es jeweils sehr eng...
Im Gegensatz zu den regulären Klassen in der Berufsschule tragen die Studenten in unserem neuen Kurs für IT-Praktiker keine weissen Schürzen mehr und die Anordnung der Arbeitsplätze gestaltet sich für unsere Verhältnisse auch etwas moderner. Vor allem aber sind die Klassen gemischt und auch junge Frauen werden zu Informatikerinnen ausgebildet...
Ab und zu kommt auch mal ein Minister zu Besuch oder ich darf an interessanten Konferenzen teilnehmen...
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Dienstag, 3. Dezember 2013
eine kleine geschichte am rande ...
Heute hat mir beim Pausenkaffee einer der albanischen Berufsschullehrer, welche ich hier begleite, eine kleine Geschichte aus seinem Leben erzählt, die ich der Leserschaft dieses Blogs einfach nicht vorenthalten will. Sie ist kurz, herzlich, irgendwie auch lustig, enthält aber trotz ihrer Kürze so viele Komponenten und Ebenen, welche das Leben in Albanien gut widerspiegeln. Vorab muss ich noch erwähnen, dass besagter Lehrer keinen Kaffee trinkt, was hier eher eine Seltenheit ist. Stattdessen bestellt er sich zur Belustigung aller Kollegen und Kolleginnen und zum Erstaunen des Kellners meistens einen Erdbeertee, den er dann mit mindestens drei Beutel Zucker süsst.
Das Thema heute beim Pausenkaffee in der Bar gegenüber der Schule war, wie könnte es anders sein, Lernprozesse und der Umgang mit Nichtwissen. Beim Auspacken seines so geliebten Erdbeerteebeutels aus der Packung und parallel zum Eintauchen des Beutels beginnt er also von seiner ersten Anstellung als Kellner zu erzählen. Er sei damals 13 oder 14 Jahre alt gewesen und am ersten Arbeitstag hätte ein Gast auch einen Tee bestellt. Unwissend ob überhaupt Tee vorhanden sei, habe er hinter der Theke danach gesucht und habe dabei zum ersten Mal in seinem Leben einen Teebeutel gesehen. Er sei etwas irritiert gewesen, denn zu Hause hätte seine Mutter immer Tee mit frischen oder getrockneten Kräutern aufgekocht. Klar, dass er sich aber durch lästiges Nachfragen keine Blösse habe einhandeln wollen. So habe er also den Beutel mit dem Messer aufgeschnitten, den Inhalt in eine Tasse gegeben, mit heissem Wasser übergossen und serviert. Der Gast habe ihn ungläubig von Kopf bis Fuss gemustert und sei ob der servierten Brühe wenig erfreut gewesen. Kurzerhand habe der Gast seinen Chef gerufen und sich lautstark über die Inkompetenz der Kellner beklagt. Dieser habe sich aus Respekt vor dem Gast natürlich auch keine Blösse gegeben und so sei er halt seinen ersten Job in dieser Beiz noch vor Ablauf des ersten Arbeitstages wieder los gewesen. Völlig ohne Groll und mit einem herzhaften Lachen fügte er zum Schluss an, dass man eben immer offen sein müsse, um Neues zu lernen.
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Samstag, 30. November 2013
ein schönes fleckchen erde ...
Albanien war in seiner Geschichte oft und über lange Zeiträume von fremden Mächten besetzt und regiert. Eigentlich logisch, dass es heute entsprechend viele Befreiungen zu feiern gibt. Am 28.11 ist der Nationalfeiertag, auch Unabhängigkeitstag genannt, an welchem die Befreiung von den Türken gefeiert wird. Dieses Jahr übrigens zum 101. Mal. Gleich tags darauf, also am 29.11 folgt dann der Tag der Befreiung vom faschistischen Italien. Feiertage unterscheiden sich im Strassenbild eigentlich kaum von anderen Tagen. Bars, Restaurants und Läden haben in der Regel geöffnet und auch auf dem Bau wird wie meistens an Sonntagen gearbeitet. Büros und Schulen sind hingegen geschlossen, weshalb wir dank dem diesjährigen Kalender in den Genuss eines richtig langen Wochenendes vom Donnerstag bis Sonntag gekommen sind. In gut einer Woche, genauer am 8.12 steht dann übrigens noch der Jahrestag der Befreiung vom kommunistischen Regime an. Dieser Feiertag, der auch als Tag der Jugend bezeichnet wird, fällt heuer allerdings auf einen Sonntag.
Wie dem auch sei. Während die albanischen Arbeitskollegen und Kolleginnen freie Tage natürlich im Kreise ihrer Familien verbringen, sind solche Feiertage jeweils eine gute Gelegenheit, um im Kreise der Schweizer Expats etwas gemeinsam zu unternehmen. Am Freitag fuhren wir mit Matthias, dem Chef von Stephan und mit Tobi, dem Zürcher Praktikanten aus dem Büro los, um das Dorf Petrela (Petrelë) zu besuchen. Petrela ist ein kleines Dorf auf einer Hügelkuppe südlich von Tirana. welches insbesondere wegen seiner kleinen Burg aus dem 15. Jahrhundert bekannt ist. In den letzten Jahren hat sich aber die Gegend um Petrela zunehmend auch zum Wohndomizil für vermögende Neureiche aus der Hauptstadt entwickelt. Entsprechend viele neue und moderne Siedlungen und Villen säumen bereits die enge und steile Strasse hoch zum Dorf.
Die Burg liegt auf einem spitzen Berg über dem Dorf und ist über eine Steintreppe zu Fuss erreichbar. Und es gibt mindestens zwei Gründe, diese Treppe hochzusteigen. Erstens gibt es im Turm der Burg ein Restaurant. Und ausnahmsweise ist es einmal nicht eines dieser vielen albanischen Etablissements mit topmodernem Interieur, grellem Licht, weissen Ledersofas und lauter Musik. Nein, es ist eine kleine, einfache Beiz mit Holztischen und einem offenen Kaminfeuer. Und letzteres war auch bitter nötig, denn die Temperaturen sind in den letzten Tagen stark gesunken und zudem blies in dieser erhöhten Lage trotz stahlblauem Himmel und Sonnenschein auch eine zünftig kühler Wind. Das Essen schmeckte einmal mehr vorzüglich, obschon ich auf den Anblick des gegarten Hühnerkopfs im Teller auch gut hätte verzichten können.
Der zweite Grund für einen Besuch in Petrela ist die atemberaubende Aussicht. Was uns vor einigen Wochen an Bejram, (einem anderen, diesmal religiösen Feiertag) beim Ausflug auf den Berg Dajti wegen des Wetters noch verwehrt blieb, konnten wir dieses Mal in vollen Zügen geniessen. Von der exponierten Burg aus hat man eine fantastische Weitsicht auf Tirana und die umliegenden Täler. Unsere Fotoapparate und iPhones wurden nahe an ihre Erschöpfung malträtiert. Auch bei anderen Besuchern standen die Fotoapparate im Zentrum des Geschehens. Ein Brautpaar hatte die spektakuläre Kulisse der Burg auch von einem Brautpaar für ein exzessives Fotoshooting ausgesucht. Die arme Braut im kleinen Weissen und deren Freundinnen im dünnen Ballkleid taten einem ob der kalten Temperaturen schon fast leid. Es ist offenbar weltweit so, dass Schönheit halt leiden muss! Ich für meinen Teil war auf jeden Fall froh, dass ich am Morgen in lange Unterhosen geschlüpft war.
Petrela, wahrlich (noch) ein schönes Fleckchen Erde!
Wie dem auch sei. Während die albanischen Arbeitskollegen und Kolleginnen freie Tage natürlich im Kreise ihrer Familien verbringen, sind solche Feiertage jeweils eine gute Gelegenheit, um im Kreise der Schweizer Expats etwas gemeinsam zu unternehmen. Am Freitag fuhren wir mit Matthias, dem Chef von Stephan und mit Tobi, dem Zürcher Praktikanten aus dem Büro los, um das Dorf Petrela (Petrelë) zu besuchen. Petrela ist ein kleines Dorf auf einer Hügelkuppe südlich von Tirana. welches insbesondere wegen seiner kleinen Burg aus dem 15. Jahrhundert bekannt ist. In den letzten Jahren hat sich aber die Gegend um Petrela zunehmend auch zum Wohndomizil für vermögende Neureiche aus der Hauptstadt entwickelt. Entsprechend viele neue und moderne Siedlungen und Villen säumen bereits die enge und steile Strasse hoch zum Dorf.
Die Burg liegt auf einem spitzen Berg über dem Dorf und ist über eine Steintreppe zu Fuss erreichbar. Und es gibt mindestens zwei Gründe, diese Treppe hochzusteigen. Erstens gibt es im Turm der Burg ein Restaurant. Und ausnahmsweise ist es einmal nicht eines dieser vielen albanischen Etablissements mit topmodernem Interieur, grellem Licht, weissen Ledersofas und lauter Musik. Nein, es ist eine kleine, einfache Beiz mit Holztischen und einem offenen Kaminfeuer. Und letzteres war auch bitter nötig, denn die Temperaturen sind in den letzten Tagen stark gesunken und zudem blies in dieser erhöhten Lage trotz stahlblauem Himmel und Sonnenschein auch eine zünftig kühler Wind. Das Essen schmeckte einmal mehr vorzüglich, obschon ich auf den Anblick des gegarten Hühnerkopfs im Teller auch gut hätte verzichten können.
Der zweite Grund für einen Besuch in Petrela ist die atemberaubende Aussicht. Was uns vor einigen Wochen an Bejram, (einem anderen, diesmal religiösen Feiertag) beim Ausflug auf den Berg Dajti wegen des Wetters noch verwehrt blieb, konnten wir dieses Mal in vollen Zügen geniessen. Von der exponierten Burg aus hat man eine fantastische Weitsicht auf Tirana und die umliegenden Täler. Unsere Fotoapparate und iPhones wurden nahe an ihre Erschöpfung malträtiert. Auch bei anderen Besuchern standen die Fotoapparate im Zentrum des Geschehens. Ein Brautpaar hatte die spektakuläre Kulisse der Burg auch von einem Brautpaar für ein exzessives Fotoshooting ausgesucht. Die arme Braut im kleinen Weissen und deren Freundinnen im dünnen Ballkleid taten einem ob der kalten Temperaturen schon fast leid. Es ist offenbar weltweit so, dass Schönheit halt leiden muss! Ich für meinen Teil war auf jeden Fall froh, dass ich am Morgen in lange Unterhosen geschlüpft war.
Petrela, wahrlich (noch) ein schönes Fleckchen Erde!
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Donnerstag, 28. November 2013
schlechtwetterprogramm ...
Nach zwei Monaten fast perfektem Wetter hat jetzt der Herbst mit starken Regenfällen und Höchsttemperaturen von rund 12 Grad auch hier in Albanien Einzug gehalten. Natürlich sind diese Temperaturen im Vergleich zur Schweiz immer noch mild. Es gilt aber zu bedenken, dass viele Gebäude hier über gar keine Heizung oder maximal eine Klimaanlage verfügen, mit welcher sich etwas erwärmte Luft ins Innere blasen lässt. Ein wohliges Ambiente fühlt sich für uns anders an. Und da die meisten Strassen und Plätze über gar kein oder nur ein unzureichendes Abflusssystem verfügen, führt der starke Regen auch immer wieder zu grossflächigen, fast überschwemmungsähnlichen Pfützen, welche den Zugang zu Gebäuden ohne Gummiboot praktisch verunmöglichen. Eigentlich wären jetzt Gummistiefel oder Schuhe mit hohen Sohlen angesagt, aber solche haben wir leider nicht mit dabei.
Der besagte Wetterumschwung ging dann leider auch Hand in Hand mit dem Besuch unserer Freunde Kathrin, Dänu, Role und Schmützu. Die für Gäste obligate Fahrt an den Strand von Durrës oder der nette Nachmittag in der gemütlichen Hafenbeiz ausserhalb der Stadt mussten wohl oder übel einem Alternativprogramm weichen. Also machten wir vor allem das, was wir in diesem Freundeskreis auch zu Hause so gerne tun. Wir sassen in Bars und diskutierten über Gott und die Welt. Und genau wie Lavazh (einfache, mit Hochdruckreiniger ausgestattete und bediente Unterstände zum Autowaschen) und Tankstellen gibt es in Albanien Bars und Kaffees wie Sand am Meer. Wir durften ja bereits viel reisen, aber wir mögen uns an kein anders Land erinnern, in welchem wir mehr Bars angetroffen hätten. Mit Ausnahme von Barcelona vielleicht. Die auffallend hohe Dichte an Gastronomiebetrieben hat wohl vor allem damit zu tun, dass sich der Wunsch vieler Albaner nach einem eigenen Business (und somit der Rolle des Chefs) mit einer Bar relativ leicht realisieren lässt. Und Zeit für einen Drink und einen gemütlichen Schwatz hat man hier definitiv auch bedeutend mehr als bei uns.
Trotz fast ununterbrochenem Regen zog es uns auch nach Tirana. Ein ausgedehnter Spaziergang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten (inklusive erfolgreicher Suche von Geocaches) wurde aber auch an diesem Tag in regelmässigen Abständen durch einen Barbesuch unterbrochen, um zwischenzeitlich wieder etwas abtrocknen und aufwärmen zu können. Klar, dass die Radio Bar mit seiner stilvollen Innenausstattung im Retrolook nicht fehlen durfte. In der Bar Hemingway gab es dann sehr zur Freude des Rum-Liebhabers Danü sogar einen Flor de Caña aus Nicaragua. Eine willkommene Abwechslung zum lokalen Raki der vorderen Tage. Übrigens findet man in grossen Lettern über der Theke ein Zitat von Ernest Hemingway: "An intelligent man is sometimes forced to be drunk to spend time with his fools!"
Jetzt wo Kathrin, Dänu, Role und Schmützu zurück in der Schweiz sind, hat sich das Wetter zwar wieder etwas beruhigt. Gerne hätten wir aber noch den einen oder anderen Regentag mehr in Kauf genommen, um die Gesellschaft der Vier noch etwas länger geniessen zu können. Es hat extrem Spass gemacht und wir erlauben uns hier (wie zuvor Hemingway), aus der nachträglichen Mail von Dänu zu zitieren: "Es war schön, cool, interessant, lehrreich und gesundheitsschädigend…" Danke, auch wir haben euren Blitzbesuch sehr geschätzt und in vollen Zügen genossen - Wetter hin oder her :-)
Der besagte Wetterumschwung ging dann leider auch Hand in Hand mit dem Besuch unserer Freunde Kathrin, Dänu, Role und Schmützu. Die für Gäste obligate Fahrt an den Strand von Durrës oder der nette Nachmittag in der gemütlichen Hafenbeiz ausserhalb der Stadt mussten wohl oder übel einem Alternativprogramm weichen. Also machten wir vor allem das, was wir in diesem Freundeskreis auch zu Hause so gerne tun. Wir sassen in Bars und diskutierten über Gott und die Welt. Und genau wie Lavazh (einfache, mit Hochdruckreiniger ausgestattete und bediente Unterstände zum Autowaschen) und Tankstellen gibt es in Albanien Bars und Kaffees wie Sand am Meer. Wir durften ja bereits viel reisen, aber wir mögen uns an kein anders Land erinnern, in welchem wir mehr Bars angetroffen hätten. Mit Ausnahme von Barcelona vielleicht. Die auffallend hohe Dichte an Gastronomiebetrieben hat wohl vor allem damit zu tun, dass sich der Wunsch vieler Albaner nach einem eigenen Business (und somit der Rolle des Chefs) mit einer Bar relativ leicht realisieren lässt. Und Zeit für einen Drink und einen gemütlichen Schwatz hat man hier definitiv auch bedeutend mehr als bei uns.
Trotz fast ununterbrochenem Regen zog es uns auch nach Tirana. Ein ausgedehnter Spaziergang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten (inklusive erfolgreicher Suche von Geocaches) wurde aber auch an diesem Tag in regelmässigen Abständen durch einen Barbesuch unterbrochen, um zwischenzeitlich wieder etwas abtrocknen und aufwärmen zu können. Klar, dass die Radio Bar mit seiner stilvollen Innenausstattung im Retrolook nicht fehlen durfte. In der Bar Hemingway gab es dann sehr zur Freude des Rum-Liebhabers Danü sogar einen Flor de Caña aus Nicaragua. Eine willkommene Abwechslung zum lokalen Raki der vorderen Tage. Übrigens findet man in grossen Lettern über der Theke ein Zitat von Ernest Hemingway: "An intelligent man is sometimes forced to be drunk to spend time with his fools!"
Jetzt wo Kathrin, Dänu, Role und Schmützu zurück in der Schweiz sind, hat sich das Wetter zwar wieder etwas beruhigt. Gerne hätten wir aber noch den einen oder anderen Regentag mehr in Kauf genommen, um die Gesellschaft der Vier noch etwas länger geniessen zu können. Es hat extrem Spass gemacht und wir erlauben uns hier (wie zuvor Hemingway), aus der nachträglichen Mail von Dänu zu zitieren: "Es war schön, cool, interessant, lehrreich und gesundheitsschädigend…" Danke, auch wir haben euren Blitzbesuch sehr geschätzt und in vollen Zügen genossen - Wetter hin oder her :-)
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Samstag, 23. November 2013
eine ode auf das junge tirana ...
Nun sind wir seit zwei Monaten in Albanien. Es wird höchste Zeit, auch einmal einen Blick auf die Hauptstadt unseres Gastlandes zu werfen. Tirana, Tiranë (die aufmerksamen Leser mögen ich vielleicht an die Erläuterungen bezüglich der unterschiedlichen Schreibweise von Ortsnamen hier erinnern) oder im lokalen Dialekt gar Tirona liegt eigentlich nur 40 Kilometer von unserem Wohnort Durrës entfernt. Über die Autobahn erreichen wir in einer guten Viertelstunde den Stadtrand. Je nach Tageszeit und Verkehrsaufkommen sind aber dann schon weitere 30 bis 40 Minuten einzuplanen, bis man das Zentrum erreicht ist. In Albanien hat nach der Wende eine regelrechte Landflucht eingesetzt, worauf sich die Einwohnerzahl von Tirana in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Wobei so ganz genau weiss das eigentlich niemand. 2009 waren auf der Stadt rund 625'000 Personen gemeldet, obschon mit der Volkszählung zwei Jahre später interessanterweise "nur" noch 421'000 ermittelt wurden. Da in den Vororten Tausende von Personen nicht registriert sind, entspricht eine Zahl von nahezu 900'000 Einwohnern durchaus einer realistischen Schätzung. Bemerkenswert wenn man bedenkt, dass die Bevölkerungszahl von ganz Albanien mit knapp 3.2 Millionen beziffert wird.
Eine Verdoppelung der Einwohnerzahl binnen 20 Jahren schreit förmlich nach einem Chaos! Und genau so haben wir Kinder vom Land Tirana am Anfang auch erlebt. Gross, laut, schmutzig, vollgestopft, voller Baustellen, konzeptlos in Bezug auf die Infrastruktur und den Verkehr, teilweise heruntergekommen, obschon noch gar nicht fertiggestellt… eben, irgendwie einfach chaotisch. Und wir waren dankbar und froh, in Durrës wohnen zu dürfen und nicht in Tirana.
Zwei Monate später und nach unzähligen beruflichen Verpflichtungen und privaten Ausflügen haben wir jetzt ein ganz anderes, differenzierteres Bild von Tirana erhalten. Dabei haben wir bemerkt, dass offenbar gewisse äussere Umstände mit der Zeit normal und dadurch auch ausgeblendet werden. Wir haben den Blick des aussenstehenden Fremden auf das Ganze verloren. Dafür aber haben sich unsere Sinne für die kleinen Dinge, für die Details geschärft. Und siehe da, plötzlich entdeckt man ganz stilvoll eingerichtete Geschäfte und Kneipen, nimmt man die Bäume entlang den Strassen wahr, findet hübsche kleine Parks, bestaunt die interessanten Gebäude und Fassaden aus verschiedenen Epochen und in unterschiedlichsten Baustilen und stört sich auch nicht mehr daran, dass sie als Einheit eigentlich überhaupt nicht zusammen passen. Ja, Tirana hat viel Charme, Tirana sprüht vor Energie, Tirana feiert, Tirana gibt sich mondän und in Tirana herrscht insbesondere bei der jungen Bevölkerung Aufbruchsstimmung. Ab und an macht es zwar den Eindruck, dass man die Richtung des Aufbruchs noch nicht so wirklich benennen kann, aber das ist allemal besser, als ob all der real existierenden Notstände im Selbstmitleid zu versinken. Ja, wir haben richtig lebensfrohe, aufgeschlossene, gebildete und kultivierte jungen Menschen in Tirana getroffen. Vielleicht auch deshalb haben wir die Stadt inzwischen in unser Herz geschlossen.
Leider (oder zum Glück) lassen sich der Puls und die unvergleichbar Ausstrahlung von Tirana mit all seinen sympathischen, kleinen Nuancen nur schlecht auf Fotos festhalten. Die, auf dem Dach des Sky Hotels aufgenommenen Panoramabilder oben sind ein kleiner Trost. Unser Tipp lautet deshalb: Beim Planen der nächsten Städtereise unbedingt an Tirana denken!
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Dienstag, 19. November 2013
besuch aus der schweiz ...
Am vergangenen Wochenende durften wir Caro auf einen Kurzbesuch willkommen heissen. Das herrliche Wetter mit weit über 20 Grad und Sonnenschein war die perfekte Einladung für gemütliche Spaziergänge durch Durrës, unterbrochen durch regelmässige Energiestopps in den unzähligen Strassenkaffees und Bars der Stadt. Am Sonntag ging es dann noch auf Entdeckungstour nach Tirana. Nach inzwischen vielen geschäftlichen Terminen und einigen abendlichen Besuchen war es am Sonntag auch für Stephan das erste Mal, bei welchem er richtig Zeit fand, diese pulsierende Metropole etwas genauer zu erkunden und zu geniessen. Das vielfältige und lebendige Tirana ist definitiv ein eigener Blogbeitrag wert, allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, denn die von Veronika gekochte frische Gemüsesuppe steht nämlich bereit auf dem Tisch. Für den Moment bedanken wir uns herzlich bei Caro für ihren Besuch, ihr Interesse und die Freundschaft. Wir haben die gemütlichen Stunden sehr genossen. Danke!
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Mittwoch, 13. November 2013
ein dorf sorgt für furore ...
Häufig trifft man im albanischen Alltag und insbesondere im Berufsleben auf eine unglaubliche Hierarchiegläubigkeit. Der Chef weiss alles, was der Chef sagt stimmt immer und genau so muss es auch gemacht werden. Oft wird aus diesem Grund auch einfach darauf gewartet. bis der Chef kund tut, wo es lang geht. Auch Regeln und klare Strukturen werden sehr geschätzt. Irgendwie schützt das offenbar davor, selber entscheiden zu müssen. Die 40 Jahre Diktatur und Isolation haben da tiefe Spuren hinterlassen. Im Job ist dieses Denken nicht immer ganz einfach für uns. Wir sind uns kooperative und partizipative Führung gewohnt und bei uns stehen Eigenschaften wie Initiative und Eigenverantwortung hoch auf der Anforderungsliste der Chefs.
Und immer dort wo Beziehungen statt auf Zutrauen und Vertrauen auf Hierarchie und Regeln aufgebaut sind, lässt auch die Kontrolle nicht lange auf sich warten. Als hätten die Albaner nicht lange genug in einem Überwachungsstaat gelebt, ist es nach wie vor (oder vielleicht auch erst wieder) absolut legitim, wenn zum Beispiel eine Schuldirektorin Videokameras in ihren Schulzimmern installieren lässt, um dann den ordnungsgemässen Schulbetrieb bequem in ihrem Direktorensessel sitzend auf dem Bildschirm überwachen zu können. Und das Ganze wird dann noch mit Stolz als technische Errungenschaft und Fortschritt präsentiert. Na ja, in der Schweiz würde keine einzige Lehrkraft in einem solchen Umfeld arbeiten und auch sämtliche Schüler und Schülerinnen – Eltern inklusive – würden Sturm laufen. Ganze geschweige von unserem Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten, dem ob solchen Praktiken ein akuter Herzstillstand drohen würde. Hier werden solche Kontrollen durch Vorgesetzte oder Autoritäten in der Regel aber (noch) regungslos akzeptiert oder sogar als normal empfangen.
Hierarchie, Regeln und Gehorsam scheinen hier also wichtig zu sein. Wirft man dann aber einen Blick auf das Baurecht, den Verkehr oder das Arbeitsrecht, dann scheinen Regeln und deren Einhaltung völlig inexistent zu sein. Ohne jegliche Bewilligungen, ohne Zonenkonzept und oft auch ohne rechtlich gültigen Anspruch auf den Boden wird nach Belieben gebaut. Im Verkehr sind Weitsicht, Aufmerksamkeit, Geduld und Toleranz die viel besseren Ratgeber als ein Gesetz zur Vortrittsregelung (auch wenn es das auf dem Papier sicher gibt). Und als Arbeitnehmer schliesslich tut man halt einfach gut daran, den Chef und seine Position uneingeschränkt zu akzeptieren. Andernfalls ist man unter Umständen seinen Job relativ rasch los, denn Arbeitsverträge existieren häufig keine und auf der Strasse wartet bereits mindestens ein Dutzend motivierte Nachfolger für den Job.
Albanien ist in einigen Bereichen wirklich ein Land voller Gegensätze und Extreme. Hier Struktur und Ordnung und da gleich nebenan, Chaos und Willkür. Ich will diese Beobachtung persönlich gar nicht werten. Und ausserdem gibt es auch ganz viele Bereiche, die hier absolut positiv und normal funktionieren, wenn man als Norm die Schweiz zum Vergleich heranzieht. Bekanntlich ist ja alles eine Frage des Referenzpunkts.
Nein, eigentlich habe ich ja einfach nach einer Einleitung für eine andere Geschichte gesucht. Eine, die letztlich auch mit Regeln und Gesetzen zu tun hat und eine, die ich in dieser Form hier nicht erwartet hätte. Doch schön der Reihe nach. Neulich hat mich eine Mail eines Freundes aus der Schweiz erreicht (Danke Jürg). Den Worten "Ich habe Erstaunliches gelesen" war ein Zeitungsartikel aus der Schweizer Presse angefügt, in welchem von der gesamten Dorfbevölkerung eines albanischen Dorfes berichtet wird, die nach der Arbeit auf Cannabisfelder allesamt in ärztliche Hilfe gebracht werden mussten. Was für eine Geschichte aus der Rubrik Gosse, habe ich mir gedacht. Klar ist das Kiffen hier ab und zu ein Thema, vor allem bei Studenten. Aber noch nie hätte ich jemanden öffentlich dabei beobachtet, geschweige denn von verkaufswilligen Typen angesprochen worden, wie es beim Gang durch einen Bahnhof in der Schweiz Alltag ist.
Natürlich habe ich meine albanischen Arbeitskollegen (und die sind praktisch allesamt ü50) gleich mit dem Zeitungsartikel konfrontiert. Eigentlich wollte ich etwas provozieren, ein wenig an den Strukturen rütteln. Zurück kam überraschenderweise nur Zustimmung, herzliche Lacher und die ungläubige Blicke, weil ich diese Story und deren Hintergründe noch nicht kannte. Freundlich klärte man mich in der Folge über diese ominöse Ortschaft Lazarat auf.
Lazarat ist ein kleines Dorf im Süden von Albanien. Deren Dorfbewohner hatten nach dem Zerfall der kommunistischen Diktatur die Einführung der freien Marktwirtschaft auf ihre eigene Art interpretiert und den Anbau von Hanf als Businessmodell gewählt. Und ganz offenbar war die Businessidee gut, der Markt (wohl eher im Ausland) vorhanden und die Geschäfte florierten. Die Zuwanderung an Arbeitskräften nahm zu und die Produktion wurde gesteigert. Doch weil es auch hier Gesetzte gibt, entsandte die Regierung eines Tages ihre Ordnungshüter, um wieder Zucht und Ordnung herzustellen. Doch die Dorfbewohner hatten bereits vorgesorgt und mit dem neu erlangten Reichtum ihre eigenen Ordnungshüter angestellt. Unverrichteter Dinge zog die Polizei also von Dannen. Auch der Versuch der italienischen Polizei, die Grösse der Anbaufläche mit einem Helikopter zu erkunden, musste aufgrund des Beschusses abgebrochen werden. Lazarat wurde zum Politikum, aber seit Jahren ist es keiner Regierung gelungen, das inzwischen quasi autonome Dorf zu bändigen. Die Polizei traut sich bis heute nicht hin. Wer etwas im Internet recherchiert, wird auch einige Stories dazu finden. Besonders witzig ist die auf youtube filmisch festgehaltene Fahrt zweier durchgeknallter Holländer mit lokal gekauften Mopeds nach Lazarat. Ungläubig geben sie zu Protokoll, dass sogar die örtliche Schule neben einem Hanffeld stehe. Ich verzichte auf die Verlinkung dieser Beiträge, denn ich will schliesslich mit meinem Blog nicht plötzlich der Zensur zum Opfer fallen. Auf einen Link will ich aber nicht verzichten, denn selbst das Schweizer Radio hat im vergangenen August über Lazarat berichtet: Bergdorf als Drogenhochburg in Südalbanien.
Grundsätzlich ist die Geschichte ja weder lustig, noch gesund. Trotzdem ist sie irgendwie frisch und witzig, weil sie eben diese Gegensätze deutlich aufzeigt, die Albanien so spannend und irgendwie auch sympathisch machen. Angesprochen auf das Dorf Lazarat bemerkt man auch bei vielen Albanern eine gewisse Sympathie. Nicht wegen dem Cannabis, sondern vielmehr wegen der Unverfrorenheit dieses Dorfes gegenüber Hierarchien, Regeln und Gesetzen und der Unfähigkeit der Autoritäten, diese Regeln und Gesetze durchzusetzen.
Ach ja, do not panic! Lazarat steht nicht auf unserer Wunschliste von Ausflugszielen in Albanien :-)
Und immer dort wo Beziehungen statt auf Zutrauen und Vertrauen auf Hierarchie und Regeln aufgebaut sind, lässt auch die Kontrolle nicht lange auf sich warten. Als hätten die Albaner nicht lange genug in einem Überwachungsstaat gelebt, ist es nach wie vor (oder vielleicht auch erst wieder) absolut legitim, wenn zum Beispiel eine Schuldirektorin Videokameras in ihren Schulzimmern installieren lässt, um dann den ordnungsgemässen Schulbetrieb bequem in ihrem Direktorensessel sitzend auf dem Bildschirm überwachen zu können. Und das Ganze wird dann noch mit Stolz als technische Errungenschaft und Fortschritt präsentiert. Na ja, in der Schweiz würde keine einzige Lehrkraft in einem solchen Umfeld arbeiten und auch sämtliche Schüler und Schülerinnen – Eltern inklusive – würden Sturm laufen. Ganze geschweige von unserem Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten, dem ob solchen Praktiken ein akuter Herzstillstand drohen würde. Hier werden solche Kontrollen durch Vorgesetzte oder Autoritäten in der Regel aber (noch) regungslos akzeptiert oder sogar als normal empfangen.
Hierarchie, Regeln und Gehorsam scheinen hier also wichtig zu sein. Wirft man dann aber einen Blick auf das Baurecht, den Verkehr oder das Arbeitsrecht, dann scheinen Regeln und deren Einhaltung völlig inexistent zu sein. Ohne jegliche Bewilligungen, ohne Zonenkonzept und oft auch ohne rechtlich gültigen Anspruch auf den Boden wird nach Belieben gebaut. Im Verkehr sind Weitsicht, Aufmerksamkeit, Geduld und Toleranz die viel besseren Ratgeber als ein Gesetz zur Vortrittsregelung (auch wenn es das auf dem Papier sicher gibt). Und als Arbeitnehmer schliesslich tut man halt einfach gut daran, den Chef und seine Position uneingeschränkt zu akzeptieren. Andernfalls ist man unter Umständen seinen Job relativ rasch los, denn Arbeitsverträge existieren häufig keine und auf der Strasse wartet bereits mindestens ein Dutzend motivierte Nachfolger für den Job.
Albanien ist in einigen Bereichen wirklich ein Land voller Gegensätze und Extreme. Hier Struktur und Ordnung und da gleich nebenan, Chaos und Willkür. Ich will diese Beobachtung persönlich gar nicht werten. Und ausserdem gibt es auch ganz viele Bereiche, die hier absolut positiv und normal funktionieren, wenn man als Norm die Schweiz zum Vergleich heranzieht. Bekanntlich ist ja alles eine Frage des Referenzpunkts.
Nein, eigentlich habe ich ja einfach nach einer Einleitung für eine andere Geschichte gesucht. Eine, die letztlich auch mit Regeln und Gesetzen zu tun hat und eine, die ich in dieser Form hier nicht erwartet hätte. Doch schön der Reihe nach. Neulich hat mich eine Mail eines Freundes aus der Schweiz erreicht (Danke Jürg). Den Worten "Ich habe Erstaunliches gelesen" war ein Zeitungsartikel aus der Schweizer Presse angefügt, in welchem von der gesamten Dorfbevölkerung eines albanischen Dorfes berichtet wird, die nach der Arbeit auf Cannabisfelder allesamt in ärztliche Hilfe gebracht werden mussten. Was für eine Geschichte aus der Rubrik Gosse, habe ich mir gedacht. Klar ist das Kiffen hier ab und zu ein Thema, vor allem bei Studenten. Aber noch nie hätte ich jemanden öffentlich dabei beobachtet, geschweige denn von verkaufswilligen Typen angesprochen worden, wie es beim Gang durch einen Bahnhof in der Schweiz Alltag ist.
Natürlich habe ich meine albanischen Arbeitskollegen (und die sind praktisch allesamt ü50) gleich mit dem Zeitungsartikel konfrontiert. Eigentlich wollte ich etwas provozieren, ein wenig an den Strukturen rütteln. Zurück kam überraschenderweise nur Zustimmung, herzliche Lacher und die ungläubige Blicke, weil ich diese Story und deren Hintergründe noch nicht kannte. Freundlich klärte man mich in der Folge über diese ominöse Ortschaft Lazarat auf.
Lazarat ist ein kleines Dorf im Süden von Albanien. Deren Dorfbewohner hatten nach dem Zerfall der kommunistischen Diktatur die Einführung der freien Marktwirtschaft auf ihre eigene Art interpretiert und den Anbau von Hanf als Businessmodell gewählt. Und ganz offenbar war die Businessidee gut, der Markt (wohl eher im Ausland) vorhanden und die Geschäfte florierten. Die Zuwanderung an Arbeitskräften nahm zu und die Produktion wurde gesteigert. Doch weil es auch hier Gesetzte gibt, entsandte die Regierung eines Tages ihre Ordnungshüter, um wieder Zucht und Ordnung herzustellen. Doch die Dorfbewohner hatten bereits vorgesorgt und mit dem neu erlangten Reichtum ihre eigenen Ordnungshüter angestellt. Unverrichteter Dinge zog die Polizei also von Dannen. Auch der Versuch der italienischen Polizei, die Grösse der Anbaufläche mit einem Helikopter zu erkunden, musste aufgrund des Beschusses abgebrochen werden. Lazarat wurde zum Politikum, aber seit Jahren ist es keiner Regierung gelungen, das inzwischen quasi autonome Dorf zu bändigen. Die Polizei traut sich bis heute nicht hin. Wer etwas im Internet recherchiert, wird auch einige Stories dazu finden. Besonders witzig ist die auf youtube filmisch festgehaltene Fahrt zweier durchgeknallter Holländer mit lokal gekauften Mopeds nach Lazarat. Ungläubig geben sie zu Protokoll, dass sogar die örtliche Schule neben einem Hanffeld stehe. Ich verzichte auf die Verlinkung dieser Beiträge, denn ich will schliesslich mit meinem Blog nicht plötzlich der Zensur zum Opfer fallen. Auf einen Link will ich aber nicht verzichten, denn selbst das Schweizer Radio hat im vergangenen August über Lazarat berichtet: Bergdorf als Drogenhochburg in Südalbanien.
Grundsätzlich ist die Geschichte ja weder lustig, noch gesund. Trotzdem ist sie irgendwie frisch und witzig, weil sie eben diese Gegensätze deutlich aufzeigt, die Albanien so spannend und irgendwie auch sympathisch machen. Angesprochen auf das Dorf Lazarat bemerkt man auch bei vielen Albanern eine gewisse Sympathie. Nicht wegen dem Cannabis, sondern vielmehr wegen der Unverfrorenheit dieses Dorfes gegenüber Hierarchien, Regeln und Gesetzen und der Unfähigkeit der Autoritäten, diese Regeln und Gesetze durchzusetzen.
Ach ja, do not panic! Lazarat steht nicht auf unserer Wunschliste von Ausflugszielen in Albanien :-)
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Dienstag, 12. November 2013
spannende doku ...
Dank einem Hinweis eines Arbeitskollegen hier bin ich auf einen tollen Dokumentarfilm über Albanien gestossen. Danke Tobi! SRF Virus sind die Macher dieses unterhaltsamen und erfrischenden Films, der einen spannenden Blick aus Schweizer Sicht auf Albanien und vor allem die Hauptstadt Tirana wirft. Der mit schönen Bildern untermalte Clip beleuchtet die jüngere Geschichte, thematisiert die gängigsten Klischees, spricht von Träumen und der Hoffnung der Jugendlichen aber zeigt vor allem auch, wo der Schuh in Albanien noch immer drückt. Aus meiner Sicht und persönlichen Erfahrung versteht es der Film ausgezeichnet, die ach so omnipräsenten Gegensätze, die kulturellen Unterschiede (trotz geografischer Nähe) und die alltägliche Skurrilität auf den Punkt zu bringen, ohne dabei voreilige Schlüsse zu ziehen. Wer sich dafür interessiert, in welchem Umfeld wir im Moment Leben und Arbeiten, dem können wir die 30 Minuten Unterhaltung wärmstens empfehlen. Auch wer schon einmal hier war, wir sicher das eine oder andere Déjà-vu erleben und sich an einigen Stellen das Schmunzeln nicht verkneifen können. Mit freundlicher Empfehlung an Christian, Dominik, Deiv, Mami, Trix und Beat :-)
Übrigens:
http://youtu.be/xoF-x1itGCY
Übrigens:
- Die Bilder zwischen Minute 18.00 und 20.55 wurden in Durrës aufgenommen, der Stadt, die im Moment unser Zuhause ist.
- Einen Ziegenkopf haben wird bis jetzt noch nicht gegessen, denn das kulinarische Angebot hier sieht durchaus auch andere Speisen vor und die albanische Küche schmeckt übrigens ausgezeichnet.
- Im Ausgang sind auch wir ab und zu in der Radio Bar anzutreffen (im Film ab Minute 24.20), gell Tobi :-)
http://youtu.be/xoF-x1itGCY
Autor:
Stephan
Destination:
albanien
Abonnieren
Posts (Atom)